Meine ersten Erfahrungen mit dem Sterbeprozeß und dem Tod:

Meine sehr betagte Großmutter legte sich im Sommer 1975 nieder und beschloss zu sterben. Kurz zuvor hörte ich das erste TV-Interview mit der Schweizer Ärztin und Sterbeforscherin Elisabeth Kübler-Ross. Ich hatte mir gemerkt: "Sterbende soll man nicht alleine lassen, man solle ihre Hand halten und hören, was sie sagen wollen". Diese Tipps machten mir damals Mut, meine Großmutter bis zum Ende ihres Lebens zu pflegen (ich war gerade 31 Jahre alt).

So wurde sie meine erste Lehrmeisterin in der Sterbebegleitung. Bis heute ist sie gedanklich bei mir, wenn ich Seminare zu diesem Thema halte. Ich erzähle dann von ihrer damaligen Gewissheit, dass sie sehr bald sterben würde, während ihr Hausarzt von ihrer baldigen Genesung überzeugt war. Ihm hörte sie nickend zu. Später bemerkte sie dann ganz nachsichtig und verständnisvoll: "Er ist halt noch jung und muss noch viel lernen". Oft hielt sie ihren Wecker in der Hand, um zu wissen, wann ihre Sterbestunde kommen würde.

Ich berichte davon, wie sie mich stellvertretend in die Rolle ihrer Schwester steckte, 'um sich mit einer wichtigen letzten Botschaft von ihr verabschieden zu können', von einem 'imaginären Abschiedstelefonat mit meinem Partner, der nicht kommen konnte' und von den Anweisungen, dass um ihren Kopf im Sarg Rosen liegen und bei der Beerdigung ein Bläserquartett spielen sollte. Und es fiel ihr ein, dass sie in ihrem Leben nie ein Sektfrühstück bekommen hatte. Dies musste nachgeholt werden. Soweit zum Thema 'unerledigte Geschäfte'.

Dann ließ sie sich den Mantel, das Kopftuch und die Schuhe bringen, "um für den Transport fertig zu sein" (damals war mir die Symbolsprache Sterbender, zum Beispiel zum Thema Reise, welches in jeder Kultur vorkommt, noch unbekannt). Vor jedem Einschlafen verabschiedete sie sich vorsichtshalber von allen Anwesenden, falls sie nicht mehr aufwachen würde und wenn doch, konnte sie fragen "stehe ich schon in der Zeitung?" Und schließlich sah sie den Opa im Raum, der viele Jahre zuvor vorausgegangen war und sie nun abholen kam.

Laut Elisabeth Kübler-Ross "erfährt niemand den Übergang allein, jeder wird abgeholt". Ähnliches berichten auch viele Menschen, die eine Nahtoderfahrung gemacht haben und reanimiert wurden.

Immer noch sehe ich das lachende Gesicht meiner Großmutter auf ihrem Sterbebett. Mit ihrem Humor erschloss sich mir die Erfahrung der Sterbebegleitung als ein großes Geschenk.

Ohne diese Erfahrung wäre es mir wohl einige Jahre später schwer möglich gewesen, meinen damals gleichaltrigen (38 Jahre) Cousin auf dem Sterbebett zu begleiten, der seine Familie und zwei kleine Kinder verlassen musste.

An dieser Stelle bedanke ich mich bei allen betroffenen Menschen, die sich mir anvertraut haben, die ich beraten und begleiten durfte. Dadurch konnte ich meinen Erfahrungsschatz erweitern und viel dazu lernen.